Thingstätte
Hoch über Heidelberg, auf dem bewaldeten Heiligenberg, liegt ein steinernes Freilichttheater in Form eines Eises. Die Thingstätte greift die Anlage antiker griechischer Amphitheater auf und legt ihre Stufenränge in den Hang. Wo einst Tausende zu rituellen Masseninszenierungen zusammenkamen, läufst du heute über die breiten Steinstufen.
Gebaut hat sie der Architekt Hermann Alker, die Arbeiten begannen Ende April 1934 und waren im Juni 1935 abgeschlossen. Das NS-Regime ordnete das Theater in seine Thingspiel-Bewegung ein, die rituelle Massenversammlungen und Inszenierungen für die Ideologie schaffen wollte. Ursprünglich waren über zehntausend Sitzplätze, ein Tanzring hinter der Bühne und Raum für zwanzigtausend Stehende geplant. Am Ende fassen die Ränge etwa achttausend Sitzende, zusammen mit Stehplätzen bis zu fünfzehntausend Menschen. Rund sechshunderttausend Reichsmark kostete der Bau, die Stadt Heidelberg trug den Großteil. Zur Einweihung am 22. Juni 1935 kamen etwa zwanzigtausend Gäste, und Joseph Goebbels pries den Bau als „Nationalsozialismus in Stein“. Die Akustik blieb trotzdem schwach, weshalb siebzehn Mikrofone auf der Bühne und sieben Lautsprecher nachhelfen mussten. Denn die Thingbewegung verlor schon vor der Einweihung an Zuspruch, und im Sommer 1936 kündigte der Oberbürgermeister die Umbenennung in Feierstätte an. Im Krieg ruhte der Spielbetrieb weitgehend, ab 1942 stand zusätzlich ein Flakturm auf der Anlage. Nach 1945 spielten amerikanische Besatzungstruppen hier Jazzkonzerte und luden 1947 auch Deutsche zu einem Ostergottesdienst.
Heute gehört die Anlage der Stadt, die Schutzgemeinschaft Heiligenberg pflegt sie als geschütztes Kulturdenkmal. Von den späten 1980er Jahren bis 2017 feierten hier zu Walpurgisnacht Feuertänzer und Jongleure, manchmal vor fünfzehntausend Menschen. Ein Waldbrand und ein schwerer Sturz beendeten 2017 diese Nächte. Seitdem umzäunt die Stadt die Arena und stationiert zur Walpurgisnacht Polizisten. Weil Strom und andere Anschlüsse fehlen, scheitern Versuche, auf der Bühne wieder Theater zu spielen. Seit 2014 fährt dich an Sonn- und Feiertagen ein Bus hinauf, und eines Tages sollen gefällte Bäume den Blick auf Heidelberg freigeben.
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